Alle Einträge anzeigen

Landschaft als interdisziplinäres Thema vorantreiben: Thomas Nideroest im Interview

18.04.19 - Eine kürzlich erschienene Fachpublikation vermittelt neue Perspektiven zeitgenössischer Modelle der Landschaftsplanung. HSR Alumnus Thomas Nideroest ist Teil des Autorenteams. Im Interview erzählt er von seinem Beruf im Kontext ökologischer und geographischer Herausforderungen.

Das Buch «From the South: Global Perspectives on Landscape and Territory» enthält 18 Essays von Autoren aus 8 verschiedenen Nationen und 5 Kontinenten. Es vermittelt neue Perspektiven zeitgenössischer Modelle der Landschaftsplanung, des Landschaftsmanagements und -designs.
Weitere Informationen zum ILC und ein kostenloser Download-Link des Buches finden Sie hier.

Herr Nideroest, Sie sind gelernter Landschaftsgärtner und haben direkt nach BMS und Militär mit dem Bachelor Landschaftsarchitektur an der HSR begonnen. Sie haben sich also früh für die Landschaftsarchitektur entschieden und sind bis heute dabeigeblieben. Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?
«Ich habe schon früh im Gartenbaubetrieb meiner Eltern mitgeholfen und Gefallen am Handwerk und dem Arbeiten mit der Natur gefunden. Seit meinem Lehrbeginn als Landschaftsgärtner habe ich stets neue Herausforderungen gesucht, um jegliche Facetten des Berufes im nationalen und internationalen Kontext zu entdecken. Daher ist aus meiner Sicht die thematische Vielfältigkeit, der Reichtum an beruflichen Möglichkeiten und die Freiheit zur persönlichen Entfaltung und Spezialisierung das Faszinierende am Beruf. So habe ich mich vom Garten- und Landschaftsbauer zum Landschaftsarchitekten entwickelt, der sich heute mehrheitlich mit grossmassstäblichen, internationalen Planungsprojekten befasst. Dabei habe ich immer das Ziel vor Augen, visionäre Städtebaukonzepte zu entwickeln, die sich mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen.»

Sie waren schon in der Schweiz als Landschaftsarchitekt tätig und arbeiten momentan in den USA – Wie erleben Sie die Landschaftsarchitektur bzw. Ihren Beruf in den Vereinigten Staaten im Vergleich zur Schweiz?
«Was aus meiner Sicht am meisten ins Gewicht fällt, sind die Projektarten und deren unterschiedliche Problemstellungen, die Grössenverhältnisse, die verschiedenen Klimazonen, sowie die geologischen Bedingungen und die damit verbundenen Herausforderungen. In den Vereinigten Staaten und in anderen Teilen der Welt sind wir stark gefordert uns zunehmend den Folgen des Klimawandels anzunehmen. Dabei spielen wir als Planer und Gestalter von urbanen und landschaftlichen Räumen eine wichtige Rolle. Wir sind gefragt, holistische Lösungsansätze zu finden, die zum einen zukünftige Desaster antizipieren und sich zum anderen an diese neuen ökologischen Bedingungen anpassen. Projekte, die in diese Richtung gehen, sind oft grossmassstäblich und äusserst komplex. Das fordert neue Modelle interdisziplinärer Zusammenarbeit. Diesen Grad an Komplexität und interdisziplinärem Arbeiten habe ich so in der Schweiz nicht erlebt. Letztlich gibt es auch grosse Unterschiede durch die Professionalisierung des Berufes. Sprich: Die Haftpflicht von gebauten Projekten in den USA wirkt sich stark auf die Art und Weise aus, wie man Ausführungs- und Detailplanungen dokumentiert.»

Sie befassen sich mit der Landschaftsarchitektur noch immer als Disziplin – verstehen Sie sich eher als Forscher oder als Architekt?
«Ich würde sagen, es ist ein Mix aus beidem. Für meinen Arbeitgeber erarbeite ich unter anderem Projekte in Vietnam, Japan, China, Afghanistan und Indien. Dies ist sehr spannend, weil man richtig interpretieren muss, was Freiraum in den jeweiligen Ländern bedeutet und wie sie kulturell genutzt werden. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Forschung - gerade für komplexe Grossprojekte und städtebauliche Erweiterungen - oftmals als integraler Bestandteil aus Planungs- und Gestaltungsprojekten hervorgeht. Studienprojekte, die ich parallel in meiner Freizeit bearbeite, nehmen sich oft Themenfeldern oder Vertiefungsrichtungen an, die mich faszinieren (wie das Thema Wasser), für welche es in der Praxis, respektive im Budget eines spezifischen Projektes, oftmals aber keinen Raum gibt.»

Ihr persönlicher Beitrag im neu erschienen Buch ist die Studie «When the Only Water Left is Gray: The Understanding of Landscape as a Framework and Medium to Approach Water Scarcity». Können Sie uns etwas mehr zum Projekt erzählen?
«Das Studienprojekt untersucht, wie wasserarme Regionen auf der Welt auf Wasserknappheit reagieren und zeigt Lösungsansätze auf, wie man mit planerischen und städtebaulichen Massnahmen einen nachhaltigeren Umgang mit Wasserressourcen erreichen kann. Dabei analysiert die Studie fünf Länder (Brasilien, USA, Singapur, China und Südafrika), die aktuell auf grossmassstäbliche Wassertransferprojekte angewiesen sind. Diese Megaprojekte greifen sehr stark in die natürliche Hydrologie ein, welche mit unwiderruflichen Änderungen in der territorialen Landschaftsökologie verbunden sind. Jede dieser Infrastrukturen transportiert eine gewisse Wasserkapazität, welche die Wirtschaft und das Städtewachstum ankurbelt. Je nach Wachstumsrate übersteigt der lokale Wasserbedarf jedoch die importierte Verfügbarkeit und der ganze Prozess muss sich wiederholen, um weiteres Wachstum zu ermöglichen. Es stellt sich also die Frage, wie oft man diesen Wasser-Urbanisierungsprozess wiederholen kann, bevor alle erreichbaren Ressourcen erschöpft sind, der finanzielle Aufwand ins Grenzenlose steigt und neue Umweltbedingungen die lokale Ökonomie zum Stagnieren bringt.»

Was ist das Ziel des Buches und was bedeutet es für Sie, Teil des Autoren-Teams zu sein?
«Die Idee für das Buch entstand mit der Gründung des ‘Internationalen Landscape Collaborative’ (ILC), einem interdisziplinären ‘Think-Tank’, der von vier Landschaftsarchitekten der GSD (Harvard Graduate School of Design) ins Leben gerufen wurde. Während des Studiums haben meine Kollegen Flavio Sciaraffia, Sourav Kumar Biswas und Hannes Zander (der ebenfalls an der HSR studiert hat) und ich eine Sensibilität für landschaftsbasierende Ansätze entwickelt. Das Buch entwickelte sich aus dem Interesse heraus diesen sogenannten ‘Landscape Approach’ (Landschafts-Ansatz) in der Planung und Gestaltung weiter zu ergründen und durch Projekte zu beschreiben.

Teil des Autoren-Teams zu sein bot mir die Möglichkeit, mich einem für uns wichtigen Thema anzunehmen und Landschaft als interdisziplinäres Thema voranzutreiben. Es ist kein Zufall, dass unser erstes Buch in Santiago, Chile publiziert wurde, da Lateinamerika verstärkt Umweltrisiken wie Tsunamis, Wasserknappheit und Umweltverschmutzung ausgesetzt ist. Gerade die Grossstadt Santiago ist durch ihre geographische Lage zwischen den Anden und der Küste besonders stark den harschen Landschaftsbedingungen. Üblicherweise ist es so, dass der globale Norden den Süden informiert, respektive der Süden sich am Norden orientiert. Unser erstes Buch ‘From the South: Global Perspectives on Landscape and Territory’, stellt dies für einmal auf den Kopf. Der Sammelband ist eine Reaktion auf die ökologischen Herausforderungen und Folgen des Klimawandels und beabsichtigt Landschaft als einen planerischen Entwicklungsansatz zu fördern. Obschon Landschaftsarchitektur als Disziplin in Lateinamerika noch nicht stark verbreitet ist, wird Landschaft zunehmend ein wichtiger Bestandteil für soziale und kulturelle Entwicklungsprozesse, die Naturrisiken minimieren. Anstatt also Landschaft nur aus der Sicht einer einzelnen Disziplin zu betrachten, stärkt das Buch eine interdisziplinäre Herangehensweise. Hierbei wird Landschaft als eine gemeinsame Basis verstanden, von welcher aus mehrere Interessengruppen und Fachrichtungen die Beziehung zwischen natürlichen und entworfenen Systemen aushandeln, um ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit sicherzustellen.»

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Ihre Zeit an der HSR zurückdenken?

«Spontan fällt mir ein, dass wir bei schönem Wetter oft bei Erwin einen St. Galler Schüblig bestellt haben und unser Mittagessen mit Panorama auf den Obersee genossen haben. Ansonsten leben die Erinnerungen an die Studienzeit durch den fortan bestehenden Austausch mit meinen Studienkollegen und -kolleginnen weiter. Wir stehen in regelmässigem Kontakt und feiern dieses Jahr sogar unser 9-jähriges HSR Jubiläum, für welches ich extra in die Schweiz einreise.»

Thomas Nideroest machte seinen Bachelor in Landschaftsarchitektur 2011 an der HSR. Der Master folgte an der Graduate School of Design in Harvard, USA, wo er 2016 mit dem prestigeträchtigen «Charles Eliot Traveling Felloship» ausgezeichnet wurde. Heute arbeitet er beim global tätigen, interdisziplinären Design-Büro Sasaki.

Bachelor-Infotag am 26. Oktober 2019

Lernen Sie unsere Studiengänge und den HSR Campus kennen.

Innovation ist mehr als BIM: Der dritte IST InfraStrukturTreff

Bis auf Digitalisierungsthemen wie Building Information...

Das letzte Puzzleteil zum günstigen, erneuerbaren Treibstoff

Aus erneuerbarem Strom Methangas produzieren und ins...