Alle Einträge anzeigen

«Die Schweiz hat die Mittel, um die Energiewende zu verwirklichen»

27.11.19 - Um dem Klimawandel rechtzeitig Einhalt zu gebieten, wird häufig das Jahr 2050 genannt. Bis dahin muss die Menschheit weltweit nicht nur, aber vor allem ihre Energieversorgung klimaneutral realisieren. Im Interview geben Prof. Dr. Andreas Häberle, Leiter SPF Institut für Solartechnik, und Prof. Dr. Markus Friedl, Leiter IET Institut für Energietechnik, einen Einblick in ihre Lösungen zur Energiewende.

Wenn man Klimaziele wie die Energiestrategie 2050 der Schweiz ernst nimmt, haben wir ab heute noch rund 30 Jahre Zeit für die Umsetzung. Ist eine klimaneutrale Schweiz bis dahin realistisch?
Andreas Häberle: (lacht) Wenn wir als Forschende in diesem Bereich das nicht für möglich halten würden – wer dann? Wir wissen, was die für den Umbau nötigen Technologien leisten können, und entwickeln sie stetig weiter. Deshalb sehe ich uns auch als Treiber in diesem Prozess. Die Schweiz hat die Mittel, um die Energiewende zu verwirklichen und als Vorreiterin auch anderen zu zeigen, dass es möglich ist.

Die Schweiz als Vorbild für die ganze Welt?
Häberle: Wir haben hier sehr gute Möglichkeiten durch die Wasserkraft und die starke Wirtschaftsleistung des Landes. Es ist genug Geld da und auch das Know how, um allen eine Blaupause zu bieten, wie man eine Energiewende hinbekommen und davon auch noch wirtschaftlich profitieren kann.
Markus Friedl: Alle Forschungsteams, die sich seriös mit den Herausforderungen beschäftigt haben, sind zu dem Schluss gekommen, dass die Energiewende technisch möglich, finanzierbar und mit wirtschaftlichen Interessen verträglich ist.

Was heisst «finanzierbar»?Wie viel kostet die Energiewende?
Friedl: Der durchschnittlicheSchweizer Privathaushalt verwendet 2,5 Prozent seiner Ausgaben direkt für Energie, also für Wohnen und Auto. Alle Schweizer Endverbraucher von Energie bezahlen ca. 4 Prozent des Bruttoinlandprodukts für Energie. Anfang der 80er Jahre waren es 7 Prozent. Wenn wir mit den Energiepreisen wieder in diese Richtung gehen, liesse sich die Energiewende bezahlen. Das kann sich ein Grossteil der Privatpersonen und Unternehmen sowie die öffentliche Hand in der Schweiz leisten.

Andreas Häberle
SPF Institut für Solartechnik

Es ist genug Geld da und auch das Know-how, um allen eine Blaupause zu bieten, wie man eine Energiewende hinbekommen und davon auch noch wirtschaftlich profitieren kann.

Angenommen, das Geld wäre jetzt vorhanden: Wie wird der Umbau konkret umgesetzt?
Friedl: Grundsätzlich müsste man beim Konsum von Energie ansetzen. Ein System aus Anreizen für energiesparendes Verhalten, Lenkungsabgaben wie einer CO2 Steuer oder Verboten von klar klimaschädlichen Produkten und Prozessen erscheint am vielversprechendsten. Das ist auch bereits passiert – Beispiel Glühbirne: Die hat man auch gegen Widerstände verboten und heute trauert dieser alten Technologie niemand mehr nach.

Wenn sich heute jemand entscheidet, die Energiewende für sich persönlich umzusetzen – vom Wohnen über die Mobilität bis zum Stromverbrauch – gibt es überhaupt schon die richtigen Technologien und Angebote dafür?
Friedl: Viele der nötigen Technologien sind heute schon
Mainstream. Den alten Ölkessel durch eine Wärmepumpenheizung zu ersetzen, die vom eigenen Solardach mit Energie versorgt wird, ist Standard. Wenn jemand heute ein Gebäude saniert, sollte es eigentlich nicht mehr passieren dürfen, dass man keine solargestützte Energieversorgung installiert.
Häberle: Vieles ist heute bereits Stand der Technik. Aber es ist schon so, dass es auch noch Bedarf an anderen Stellen gibt. Beispielsweise für den Gebäudebereich: Dort fängt die Energiewende bei Architektur- und Ingenieurbüros, bei Bauunternehmen und bei Installateurbetrieben an. Hier
muss man sicherstellen, dass die Ausbildung der dort tätigen Fachpersonen sie befähigt, den Stand der Technik umzusetzen. Hier sehe ich noch Potenzial, das Know-how in die Breite zu bringen.

Markus Friedl
IET Institut für Energietechnik

Nur wenn wir erneuerbar erzeugte Energie bedarfsorientiert erzeugen, speichern, umwandeln und verteilen können, kann die Energiewende gelingen.

Ist hier der Gesetzgeber noch mehr gefordert?
Häberle: Technische Entwicklungen sind nicht die einzige Voraussetzung für den Erfolg der Energiewende. Es gibt heute noch viele Regularien und Mechanismen, die verhindern, dass der Stand der Technik umgesetzt wird.
Zum Teil fehlen heute die Anreize und die klaren Regeln, die dazu führen, dass bei einer Sanierung eines Gebäudes kompatibel zur Energiestrategie 2050 geplant wird. Das führt in der Praxis häufig dazu, dass dann eben doch wieder eine Ölheizung eingebaut wird. Zudem gibt es einen gewissen Investitionsstau im Gebäudebestand. Mit der derzeitigen Erneuerungsrate von rund einem Prozent würde es hundert Jahre dauern, um nur schon den Gebäudesektor passend zur Energiestrategie 2050 umzurüsten. Das ist viel zu langsam. Hier brauchen wir dringend Mechanismen – Finanzierungsanreize wie Sanierungsfonds wären etwa eine Möglichkeit.

Friedl: Es ist auch wichtig zu verstehen, dass Gebäude der einfachste Weg sind, mit der Energiewende zu beginnen. Das Gewicht von Installationen spielt keine Rolle. Die Technik für CO2-neutrale Gebäude ist vorhanden. Gebäude lassen sich an die öffentliche Infrastruktur anschliessen, was die Möglichkeit eröffnet, von Grossanbietern klimaneutrale Energie zu beziehen. Und Platz
für die eigene, dezentrale Energiegewinnung etwa durch Solarzellen ist auf Dächern und Fassaden genügend vorhanden.

Ist Solarenergie die wichtigste Energiequelle für die Energiewende?
Häberle: Ja, und das hat verschiedene Gründe. Wasserkraft trägt schon einen Löwenanteil zu unserer Stromversorgung bei und hat kaum noch Ausbaupotenzial. Windkraft findet aktuell keine Akzeptanz. Solarenergie hat ein sehr grosses Potenzial und kann mit dem heutigen Stand der Technik bereits ohne Beeinträchtigung auf der bestehenden Infrastruktur stark ausgebaut werden. Ausserdem ist wichtig zu wissen: Solarkraft bietet die beste Möglichkeit, Wärmeenergie bereitzustellen, die fast die Hälfte des gesamten Energieverbrauchs ausmacht. Strom macht lediglich einen Viertel des Energieverbrauchs aus, der Rest entfällt auf Treib- und Brennstoffe.

Friedl: Aktuell ist die Sektorkopplung deswegen auch ein grosses Thema. Wir müssen Energie als Ganzes betrachten. Heute sind Strom, Wärme und Mobilität grösstenteils getrennt. Im Zuge der Energiewende müssen wir es schaffen, alle Sektoren zu verknüpfen. Ein Beispiel ist Power-to-X. Dabei wird solar produzierter
Strom in Treib- und Brennstoffe umgewandelt und so auch der Mobilität zugänglich gemacht. Ausserdem lässt sich etwa mit Sonnenenergie produziertes Erdgas besser speichern als Strom oder Wärme. Es braucht aktuell noch
eine engere Zusammenarbeit der verschiedenen Sektoren, um diese neuen Technologien in eine echte Sektorkopplung zu implementieren, die eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende sein wird. Nur wenn wir erneuerbar erzeugte Energie bedarfsorientiert erzeugen,
speichern, umwandeln und verteilen können, kann die Energiewende gelingen.

Es gibt offenbar noch einiges zu tun. Was tut die HSR für die Energiewende?
Häberle: Wir, also sowohl das SPF Institut für Solartechnik als auch das IET Institut für Energietechnik forschen derzeit mit rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an ebenso vielen Projekten. Aber auch in anderen Instituten laufen viele Projekte, die einen direkten Beitrag leisten.

Coronavirus - Informationen der HSR Hochschule für Technik Rapperswil

01.04.20 - Präsenz-Veranstaltungen sind laut Entscheid des Bundesrats bis 19. April untersagt. Seit...

HSR Online-Infoabende: 8. und 23. April 2020, 18.30 Uhr

HSR Online-Infoabende Bachelor im April

Informieren Sie sich bequem von überall aus über unsere Studiengänge: 8. und 23. April...

HSR Bachelor-Arbeit im Ausland: Bauingenieur-Student Fabian Steiner im Video

Bachelor-Arbeit im Ausland: Fabian Steiner im Video

HSR Bauingenieur-Student Fabian Steiner durfte für seine...