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Gratwanderung zwischen Pyeongchang und Teilzeitstudium

08.03.18 - Balance ist wichtig für Tim Hug. Der 30-Jährige muss als Teilzeitstudent an der HSR und Profisportler für die Schweiz ständig zwischen zwei Welten manövrieren. Hug ist der einzige professionelle Nordische Kombinierer. Dafür muss er seine Trainingseinheiten zwischen Sprungkraft und Ausdauer so balancieren, dass er in den beiden Sportarten Skispringen und Ski-Langlauf auf Top-Niveau mithalten kann. Der 30-Jährige repräsentierte die Schweiz bereits an den olympischen Winterspielen in Pyeongchang, Sotschi und Vancouver sowie an Worldcups und Wettkämpfen. Weil er Abwechslung suchte und sich seine Profikarriere langsam dem Ende zuneigt, sorgt er beruflich für die Zukunft vor und studiert aktuell in Teilzeit an der HSR.

Als künftiger Energie- und Umwelttechnikingenieur will Teilzeitstudent Tim Hug für die Zeit nach den Worldcups und Olympischen Spielen vorbereitet sein. Das erfordert viel Balance – und führt mitunter zu unterhaltsamen Szenen in den Vorlesungssälen an der HSR. Dozent Dr. Jürg Stadelwieser wunderte sich kürzlich, warum Tim Hug an den letzten Vorlesungen fehlte. Unter dem Gekicher seiner Mitstudierenden klärte er seinen Dozenten darüber auf, dass er an den Olympischen Spielen in Pyeongchang teilnahm.

Im Interview gibt Hug einen Einblick, welche Herausforderungen das Teilzeitstudium mit sich bringt, und warum er den Kampf um die richtige Balance zwischen Profisport und Studium trotzdem auf sich nimmt. Das Interview fand an der HSR statt - zwischen seiner Rückkehr aus Pyeongchang und der Weiterreise zum nächsten Wettkampf.

Wie wird man Profisportler in der Nordischen Kombination?
Ich habe mit acht Jahren meinen ersten Sprung gewagt und Skispringen und Langlauf eher hobbymässig betrieben. Nach der Kanti musste ich mich entscheiden, ob ich Profisportler werden will und aus Solothurn in eine Gegend ziehe, wo es Langlaufloipen und eine Schanze gibt. Seitdem wohne ich in Einsiedeln SZ zwischen Schanze und Loipen.

Sie sind der einzige Profi in der Nordischen Kombination für die Schweiz und studieren nebenberuflich – wie viel Zeit müssen Sie in Ihre Sportkarriere investieren?
Weil die Nordische Kombination mit Skispringen und Langlauf zwei Sportarten enthält, liegt der durchschnittliche Trainingsaufwand pro Woche sicher bei rund 30 Stunden zwischen April und November. In der Hauptsaison von Ende November bis Ende März bin ich hingegen ständig unterwegs und nehme an Wettkämpfen teil. Nach den olympischen Winterspielen in Pyeongchang bin ich vom Worldcup aus Finnland heimgekommen, habe heute Vorlesungen an der HSR besucht und mache dieses Interview. Morgen geht es schon weiter nach Norwegen – zuerst nach Oslo und danach direkt nach Trondheim, von dort weiter nach Deutschland.

Das klingt nach einem vollen Terminkalender. Wie sieht Ihr Studium an der HSR aus?
Ich komme, so oft es geht. Zum Glück ist Einsiedeln nicht allzu weit entfernt. Pro Semester überschneiden sich ca. 3-4 Wochen im Studium mit der Wettkampfzeit, was jeweils eine recht strenge Phase ist. Deshalb dauert mein Studium statt den 3 Jahren bei einem Vollzeitstudium insgesamt 5 Jahre. Voraussichtlich 2020 schliesse ich mit dem Bachelor in Energie- und Umwelttechnik ab.

Das klingt nach harten fünf Jahren, warum nehmen Sie das auf sich?
Einerseits, weil ich einen Ausgleich zum Sport gesucht habe. Andererseits bin ich mit  30 Jahren langsam ein älteres Semester im Profisport. Weil es in der Schweiz eher schwierig ist, damit Geld zu verdienen, muss ich mich jetzt um die Zeit nach dem Sport kümmern. Wahrscheinlich werde ich in der Saison 2018/19 noch für die Schweiz antreten und nach meinem Studium direkt auf Vollzeit-Berufstätigkeit umstellen.

Warum haben Sie sich für die HSR entschieden?
Ich habe mich schon immer für Technik interessiert und vor ein paar Jahren schon mal einen Versuch an der ETH in Zürich im Bereich Maschinenbau gewagt. Den habe ich aber nach einem Semester abgebrochen, weil damals Teilzeit oder ein Fernstudium in der Schweiz noch nicht wirklich möglich und deshalb die Belastung neben dem Sport zu hoch war. Irgendwann war ich dann wieder an einem Punkt, wo ich gemerkt habe, dass nur Sport auf Dauer nicht funktioniert. Dann habe ich wieder nach Studienmöglichkeiten gesucht, bin auf die HSR aufmerksam geworden und habe mich schnell für den Studiengang EEU interessiert.

Warum ausgerechnet Erneuerbare Energien und Umwelttechnik?
Weil das Studium einige Aspekte aus dem Maschinenbau enthält und technische Lösungen für unsere aktuellen Energie- und Umweltherausforderungen in den Fokus stellt. Ausserdem war der Studiengang sehr flexibel und kooperativ bei der Planung des Teilzeitstudiums. Ich hatte das Gefühl, das könnte diesmal wirklich gut funktionieren.

Und, funktioniert es? Können Sie sich das Studium zu Ihrem Leben passend einrichten?
Mittlerweile gelingt es mir sehr gut, ja. Am Anfang war es schon ein Sprung ins kalte Wasser. Die ersten zwei Semester waren eine sehr grosse Umstellung, auch weil ich seit langem nicht mehr in der Schule war. Aber ich habe den grossen Vorteil, dass ich der einzige in meiner Sportart bin und deshalb kann ich vor allem im Sommer das Training gut um die Vorlesungen herum planen. Während der Wettkampfzeit im Winter ist die Herausforderung grösser, aber bisher finde ich eine gute Balance zwischen Studium und Sport.

In der Solothurner Zeitung war zu lesen, dass Ihnen das Studium auch als Athlet einen Kick gegeben hat – stimmt das?
(schmunzelnd) Ja, das ist wirklich spannend gewesen. Ich bin in den letzten Jahren leistungsmässig eher auf der Stelle getreten. Aber die letzten beiden Saisons, also seit ich studiere, waren tatsächlich meine beiden besten.

Wie erklären Sie sich das?
Sport ist oft eine mentale Geschichte. Wenn es läuft, dann läuft es einfach. Aber wenn man nicht vorwärts kommt, und der Sport dein einziger Beruf ist, kommt man in eine mentale Abwärtsspirale. Du beschäftigst dich nur noch damit, warum du keine Fortschritte mehr machst. Dank dem Studium konnte ich diese mentale Blockade auflösen. Ich gehe ganz anders an die Sache heran und nutze vor allem die Zeit im Training viel bewusster und intensiver. Nach vier Stunden Vorlesungen macht es richtig Freude, aufgestaute Energie körperlich rauszulassen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass mir diese Abwechslung vor allem mental sehr stark hilft. Wenn man vor einem Wettkampftag noch Prüfungen hat, ist es schon sehr hart, klar. Unter dem Strich profitiere ich aber sportlich spürbar vom Studium, obwohl ich insgesamt etwas weniger Zeit für körperliches Training habe.

Wissen Sie schon konkret, in welchem Bereich Sie nach dem Studium arbeiten wollen?
Noch nicht im Detail. Als ich mit dem Studium angefangen habe, war für mich klar, dass ich im Bereich Energietechnik arbeiten will. Aber im Verlauf der letzten Semester, habe ich gemerkt, dass auch die Umwelttechnik sehr spannend sein kann. Ich studiere ja noch rund zwei Jahre hier, also werde ich mich wohl dann entscheiden, wenn ich Vertiefungsmodule wähle.

Ist es für Sie ein Widerspruch, EEU zu studieren und gleichzeitig so viel zu reisen und die Umweltauswirkungen hinter den Sportveranstaltungen zu sehen?
Das beschäftigt mich, ja. Manchmal finde ich es schon verrückt, wenn ich während der Wettkampfzeit praktisch die ganze Zeit von einem Ort zum nächsten fliege, für… ja eigentlich nur für Wettkämpfe. Andererseits gibt mir das Studium und die Erfahrung im Sport in Zukunft auch die Möglichkeit, einen Beitrag dafür zu leisten, gewisse Energie- und Umweltaspekte im Profisport zu verbessern. Das wäre ein schöner Richtungswechsel.

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