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Von Mammutprojekten und Botanik

22.05.19 - Walter Vetsch war zu Beginn der 1970er Jahre einer der ersten Abgänger des Studiengangs Landschaftsarchitektur an der HSR, damals noch ITR genannt. Er konzipierte den Zürcher Sechseläutenplatz und plant und gestaltet seit über zwei Jahrzenten den Zoo Zürich mit. Anlässlich seines Vortrags im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Zooarchitektur» an der HSR haben wir mit ihm über seine Leidenschaft für die Landschaftsarchitektur als Beruf gesprochen.

Herr Vetsch, was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?
«Ich denke, es ist die Fülle der unterschiedlichen Themen, vom Städtebau bis zur Botanik. Insbesondere die vielen Herausforderungen auf verschiedensten Ebenen. Es beginnt bei grossen Planungen - vor allem beim Städtebau als Vertreter der Freiräume in interdisziplinären Teams - und führt durch viele Zwischenstufen runter bis zur Stufe Objektplanung. Der gesamte botanische Reichtum, den wir in unserem Beruf antreffen, überrascht mich immer wieder aufs Neue. Diese Disziplin müssen wir besser beherrschen als jeder andere Gestalter oder jedes andere Teammitglied in unserem Berufsumfeld.
Daneben liebe ich das Wettbewerbs- und Studienauftragswesen sowohl als Teilnehmer, wie auch als Preisrichter.»

Sie waren und sind massgeblich an grossen Projekten beteiligt, so zum Beispiel an der Gestaltung des Zürcher Sechseläutenplatzes. Was bedeuten solche beeindruckenden Projekte für Sie?
«In erster Linie bedeuten solche Mammutprojekte viel Aufwand, Einsatz und Durchhaltewillen. Insbesondere beim Sechseläutenplatz war meine Hauptaufgabe gewonnen, nachdem die Wettbewerbsidee im dreistufigen Wettbewerb mit über 180 internationalen Teilnehmerteams von allen Gremien akzeptiert und bewilligt war. Vom Wettbewerbserfolg bis zur Einweihung des gebauten Platzes dauerte es 14 Jahre und es kostete sehr viel Kraft und Überzeugung, dass das Werk heute so dasteht.
Der Sechseläutenplatz dürfte ein Jahrhundertbauwerk sein, womit wir auch auf internationaler Ebene viel Lob erhalten haben. Sehr erfreulich ist dabei, dass sich sowohl die Fachwelt, die Politik bis zur benutzenden Bevölkerung einig sind, dass es für alle Beteiligten gelungen ist, etwas Einmaliges für Zürich und die Schweiz geschaffen zu haben. Ich bin darum sehr stolz auf diesen Stadtplatz.»

Ein anderes «Mammutprojekt» ist der Zoo Zürich, den Sie seit über zwei Jahrzehnten mitgestalten…
«Bei den Zooprojekten bereitet die Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Kuratoren, dem Direktor, sowie den vielen Fachingenieuren und Dutzenden von Handwerksarbeitsgattungen immer wieder eine sehr grosse Herausforderung. Man lernt mit jedem Projekt auf irgendeiner Ebene etwas dazu. Erfreulich dabei ist, dass all die Beteiligten uns als Gesamtleiter und als federführende Planer akzeptieren und unsere Leistungen auf hohem Niveau wertschätzen.

Bei allen Zooprojekten haben wir internationale Resonanz erhalten und immer wieder orientieren sich viele Zoofachleute und Planer an unseren gebauten Lebensräumen. Auch hier scheint es mir wichtig, dass Zoobesucherinnen und -besucher sich wohl und in eine andere Welt versetzt fühlen und diese Zoowelten für sie ein eindrückliches Erlebnis darstellen. So, hoffe ich, setzten sie sich mit den Tieren auseinander und dadurch für den Tierschutz ein. Auch auf diese langjährige Arbeit, die auch ein Teil meines Lebenswerks ist, bin ich äusserst stolz.»

Können Sie uns etwas über Ihre Arbeit für den Zoo Zürich erzählen?
«Die bald dreissigjährige Aufgabe, Auseinandersetzung und Beschäftigung mit dem Zoo Zürich war für mich etwas vom Besten, was mit passieren konnte. Der Lernprozess und das 'sich Hineindenken' in die Welt der Tiere war eine grosse Herausforderung und hat mich manch schlaflose Nacht gekostet. Dennoch möchte ich die Erfahrung nicht missen. Ich bin hoch erfreut, wenn ich die vielen, glücklichen Gesichter der zufriedenen Besucherinnen und Besucher sehe. Das motiviert mich immer wieder.
Bei den vielen vorgängigen Reisen in die Lebensräume der jeweiligen Tiere erstaunte mich immer wieder aufs Neue, was die unberührte Natur alles an Perfektion und Schönheit hervorbrachte, bevor der Mensch eingriff.»

Wie erleben Sie die Landschaftsarchitektur in der Schweiz im Wandel der Zeit?

«Die Landschaftsarchitektur in der Schweiz ist auf einem sehr hohen Niveau. Dies sieht man immer wieder bei international prämierten Wettbewerben, wo bei Schweizer Beteiligung diese meist unter den Preisträgern sind. Die Landschaftsarchitektur hat sich in den letzten 40 Jahren stark etabliert, was auch auf stete Hintergrundarbeit verschiedener Berufskollegen zurückzuführen ist (Berufsverband, Regionalgruppen usw.). Heute ist der Landschaftsarchitekt nicht mehr bloss ein Fachplaner der Architekten, der etwas Grün in den grauen Beton bringt. Er ist ein ebenbürtiger Partner, welcher bereits beim Konzept wertvolle Beiträge einbringen kann. Ich kenne keine seriösen und anspruchsvollen Bebauungen mehr, wo kein Landschaftsarchitekt bzw. keine Landschaftsarchitektin von Beginn weg dabei ist.
Was mich trotzdem ab und zu stört, ist, wenn die Beiträge mancher Berufskollegen zu lediglich banalem Design verkommen. Gestaltung heisst Auseinandersetzung mit einem Thema, Lösungen anbieten, die durch Reduktion und intelligente Intervention etwas Einmaliges, Unaustauschbares für den jeweiligen Ort schaffen.»

Was erwartet Landschaftsarchitektur-Absolventinnen und -Absolventen von heute?
«Die Herausforderung für die neue Generation der Landschaftarchitekten, also Absolventinnen und Absolventen von heute, wird sein, auf immer kleineren und verdichteteren Räumen, hohe Qualität hervorzubringen - insbesondere mittels geschickter Bepflanzungskompositionen - und sich dafür einzusetzen, dass Flächen frei bleiben oder freigespielt werden. Die neue Generation wird weniger gestalten, eher behüten oder gar verhindern und die Biodiversität wieder fördern.»

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Ihre Zeit an der HSR zurückdenken?
«Im Jahre 2022 ist es fünfzig Jahre her, seit ich damals am ITR mit dem Studium begann! Anfänglich waren wir sehr familiär, ca.12 Studenten im ersten und zweiten Semester. Auch aus anderen damaligen Studiengängen kannte man alle Studenten und Dozenten persönlich.
Wir, die Studierenden der Landschaftsarchitektur, waren durchwegs froh über dieses Studienangebot, da bis zu dieser Zeit keine Möglichkeit zu einem Studium in der Schweiz bestand. Obwohl uns das Studium voll beanspruchte, hatten wir genügend Zeit, gemeinsame Skiweekends oder ITR-Skirennen usw. durchzuführen.
Was ich während des Studiums alles gelernt hatte, waren Grundlagen, welche mir bis heute etwas nützen. Das Handwerk richtig gelernt hatte ich aber erst während meinen anschliessenden Praxisjahren und langjährigen Aufenthalten auf Studienreisen. Die Erfahrung und die notwendige Tiefe benötigt Zeit, Raum und Geduld. Die Ausbildung ist daher nie zu Ende.»

Bachelor-Infotag am 26. Oktober 2019

26.10.19 - Lernen Sie unsere Studiengänge und den HSR Campus kennen.